Der Umgang mit Mobbingopfern ist besonders deshalb sehr schwierig, weil sie ein sehr angeschlagenes bis gar nicht mehr vorhandenes Selbstwertgefühl haben und daher extrem verletzbar sind.
Auch weiß man nie, was diese Personen vorher alles erlebt hat, und welche Sätze und Äußerungen daher schnell unangenehme Erinnerungen hervorrufen (=triggern)können.
Dennoch gibt es einige Verhaltensweisen, die insbesondere für Angehörige eines Mobbingopfers oder für Lehrer absolut inakzeptabel sind. Die wichtigsten davon habe ich hier aufgelistet.
1. Der Schlimmste Satz, den man zu einem Mobbingopfer sagen kann -selbst wenn es so sein sollte, dass das Mobbingopfer "selbst Schuld" hat, weil es sich zum Beispiel durch Fehlverhalten quasi "selbst ausgegrenzt" hat- ist:
"Du bist doch selbst Schuld an deiner Situation!"
In 99% aller Fälle zerstört dieser Satz das restliche Selbstwertgefühl, was noch vorhanden ist und verursacht nicht selten auch Selbsthass bzw. selbstschädigende Handlungen.
Deshalb ist dieser Satz unbedingt zu vermeiden!
Falls das Verhalten des Mobbingopfers selbst, in welcher Form auch immer, unangebracht und daher eventuell der Grund des Mobbings scheint, ist zu beachten, dass man das Mobbingopfer erst stabilisiert und dann schonend an dieses Thema heranführt!
Wenn man selbst damit überfordert ist, sollte man daher solche Erklärungen erfahrenen Leuten, wie Sozialpädagogen überlassen.
Ein weiterer solcher Satz, den wirklich kein Mobbingopfer in seiner Situation gebrauchen kann, ist folgender:
"Ach, stell dich mal nicht so an - besonders in dem Alter kann es öfter mal zu einem rauheren Umgangston kommen. Das musst du abkönnen!
Insbesondere wenn Jugendliche zu einem kommen und davon sprechen, dass sie sich gemobbt fühlen, sollte man als Lehrer diese Beschwerde auch entsprechend ernst nehmen. Nicht nur weil alles andere das Selbstvertrauen des Opfers angreift, sondern auch weil Mobbing eine Entwicklung über einen langen Zeitraum ist, die durch frühzeitiges Eingreifen noch aufgehalten werden kann.
Schaut man in der ersten Zeit weg, zeigt man den Mobbern, dass das Verhalten toleriert und akzeptiert wird - so kann sich die Situation für das Mobbingopfer nicht verbessern!
2. Falls man das "Glück" hat, die Vertrauensperson des Mobbingopfers zu sein und weitere persönliche Dinge über diese Person erfährt, ist es nicht nur wichtig, diese Erfahrungen vertraulich zu behandeln, sondern auch ein entsprechender Umgang mit dem Mobbingopfer. Alleine der Weg, irgendwohin zu gehen und überhaupt jemandem von dem Mobbing zu erzählen ist schwierig genug. Deshalb sollte man, auch wenns einen eigentlich nicht interessiert oder man vielleicht nicht zuständig ist für solche Probleme, unbedingt zuhören!
Nichts verletzt mehr als wenn man sich einer Person anvertraut und diese dann nur folgende Äußerung für einen übrig hat:
"Es tut mir Leid, aber dafür bin ich nicht zuständig! Erzähl deine Probleme jemand anders..."
Selbst wenn man als Lehrer mit dem Problem Mobbing völlig überfordert ist, ist es erstmal wichtig, dem Mobbingopfer seine Unterstützung zu versichern, damit es das Gefühl bekommt, nicht alleine dazustehen mit seinem Problem. Danach kann man immer noch vorschlagen, Vertrauenslehrer oder andere erfahrene Persönlichkeiten ebenfalls einzuschalten.
3. Falls das Mobbingopfer oder auch eine im Allgemeinen psychisch angeschlagene Persönlichkeit auf einen Lehrer zugeht und ihn bittet, ein bestimmtes Thema zu vermeiden, was im Unterricht zwar besprochen werden könnte, für diese Person aber unangenehme Erinnerungen weckt und im Extremfall sogar triggern oder retraumatisieren könnte, sollte man als Lehrer unbedingt darauf Rücksicht nehmen.
Alles andere könnte nicht nur zu oben genannten Folgen führen, sondern im Extremfall zu einer Schulphobie (zumindest in Kombination mit dem Unterricht) oder zu Situationen, die dem Mobbingopfer sehr peinlich sind, da es zum Beispiel vor lauter Angst anfangen könnte zu zittern und dann der Rest der Klasse daruaf aufmerksam wird, dass dies eine "Schwachstelle" der Person ist.
Vielleicht sollte man als Lehrer auch im Allgemeinen vorsichtig sein, wenn man heikle Themen wie Gewalt an der Schule, sexuellen Missbrauch (Vergewaltigung) oder andere Dinge anspricht.
Wie ich bereits am Anfang schrieb, weiß man nämlich nie, was den Individuen passiert ist und wenn man dann beginnt, mit ausführlichen Beispielen solch eine Diskussion zu führen, hat das entsprechend fatale Folgen.
4. Wenn man als Lehrer oder auch als Angehöriger eines Mobbingopfers in welcher Weise auch immer, erfährt, dass das Mobbingopfer Angst hat, die Schule zu besuchen, sollte man für entsprechende Begleitung zur Schule sorgen bzw. den Schüler stets motivieren und ihm seine Unterstützung versichern.
Was zum Beispiel sehr wirksam ist, ist eine Begleitung des Schülers bis zum Klassenzimmer, und auf dem Weg dorthin ein ausführliches Gespräch, in dem man auch immer wieder betont, dass das Mobbingopfer stark ist und den weg in den Unterricht schafft.
Wenn man allerdings merkt, dass die Angst weiterhin stärker ist, sollte man dem Mobbingopfer auf jeden Fall anbieten, das Klassenzimmer verlassen zu dürfen, wenn es zuviel wird. Das baut den Druck und die Angst zumindest ein klein wenig ab.
5. Wenn im Unterricht eine Gruppenarbeit durchgeführt wird und das Mobbingopfer sich keiner Gruppe anschließen kann, sollte man erst versuchen, es in eine Gruppe zu integrieren. Allerdings muss man diese dann unter Beobachtung halten, denn die Gefahr, dass das Opfer innerhalb der Gruppe ignoriert wird ist sehr hoch. Wenn diese Arbeit nicht funktioniert, sollte man mit dem Mobbingopfer spätestens nach der Stunde darüber sprechen, damit es zumindest weiß, dass man als Lehrer bemerkt hat, was in der Klasse geschehen ist.
6. Desweiteren ist darauf zu achten, dass vor dem Rest der Klasse kein Eindruck einer "Sonderbehandlung" des Mobbingopfers entsteht. Deshalb sollte der meiste Kontakt zwischen Lehrer und Schüler eher versteckt stattfinden, also in den Pausen kurz nach der Stunde, oder vielleicht auch per Mail o.ä. Auf gar keinen Fall sollte man aber direkt vor der Klasse sagen, dass noch ein Gespräch stattfinden wird... es könnte die Klasse wieder veranlassen, verstärkt zu mobben.
Bei Bedarf wird diese Liste noch verlängert. Kritik und Anregungen sind wie immer erwünscht.


